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Herbstkonzert 2018

Sonntag, 21. Oktober 2018, 17 Uhr, Kirche Blumenstein

Programm

Georges Enescu (1881 - 1955)
Geigensonate Nr.3 in a-Moll, Op.25
  1. Moderato malinconico
  2. Andante sostenuto e misterioso
  3. Allegro con brio
  4. ma non troppo mosso
Claude Debussy (1862 - 1918)
Geigensonate in g-Moll, L.148
  1. Allegro vivo
  2. Intermède
  3. Finale
Sándor Veress (1907 - 1992)
Sonata per violino solo
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Geigensonate Nr. 9 "Kreutzer" in A-Dur, Op. 47
  1. Adagio sostenuto - Presto
  2. Andante con variazioni
  3. Presto

Die Sonate für Klavier und Violine Op. 47 ist wegen ihres Widmungsträgers auch als Kreutzer-Sonate bekannt. 1798 traf Beethoven in Wien auf den Geiger, Komponist und Musikpädagogen Rodolphe Kreutzer und war unmittelbar von seinem meisterlichen Können fasziniert. Deshalb widmete er ihm 1803 seine virtuose Violinsonate, die Kreutzer allerdings nie öffentlich aufführte, da er sie für unspielbar erachtete. Obschon Beethoven bereits acht Sonaten für die gleiche Besetzung komponiert hatte, betrat er auch mit dieser neue Wege: Aus dem Titel der Originalausgabe geht hervor: "Sonata per il Pianoforte ed un Violino obligato, scritta in uno stile molto concertante, quasi come d'un concerto.". Ganz nach Beethovenscher Art wird die gleichberechtigte Gewichtung der beiden Instrumente explizit betont. Ausserdem kommt die hohe Virtuosität des obligaten Geigenparts im Titel zum Ausdruck, der die Sonate massgebend prägt. Beethovens erneuernde Vorstellung von Kammermusik trifft nicht bei allen Mitmenschen auf offene Ohren. Seine Sonate galt längst als ungewohnt, wenn nicht gar als „seltsames Werk“. Wenn „seltsam“ im Sinne von sensationell und unvergleichlich, kann man sich dieser Meinung nur anschliessen.

Auch Debussy liess sich zur Komposition einer Violinsonate von der Bewunderung für einen Geiger inspirieren. 1915, inmitten des Ersten Weltkrieges, begann er die Arbeit an einem Zyklus von „Sechs Sonaten für verschiedene Instrumente“. Sie sollten dem Zweck einer Verherrlichung der “Musique française” in Abgrenzung von der Musik der deutschen Spätromantik dienen. Im Schatten des Ersten Weltkrieges wollte Debussy sich im Sinne eines guten Patrioten von der deutschen Tradition abwenden und als Musiker eine Rückbesinnung auf die vorklassische Musik Frankreichs zu Stande bringen. Jede der drei veröffentlichten Sonaten weist freie Formen auf, die sich von der Viersätzigkeit und der Sonatenhauptsatzform abwenden. Die Sätze tragen poetische Titel oder spielen auf Gattungen des Barock an und sind von Klarheit, Eleganz und poetischem Zauber geprägt. Aufgrund Debussys rasch fortschreitender Krebserkrankung stellte er den Zyklus nur bis zur Dritten, der Violinsonate, fertig. Seinem schlechten Gesundheitszustand und seinen inneren Kämpfen – vor allem aber die endgültige Form des Finales bereitete ihm Mühe. Er war hing und hergerissen zwischen „einem Dutzend Möglichkeiten, wie man eine Violinsonate zum Abschluss bringt“. Debussy stellte die Sonate schliesslich im April 1917 fertig. Obwohl ihn während seiner kompositorischen Arbeit eine Uraufführung mit dem ungarisch-amerikanischen Geiger Arthur Hartmann, mit seinem etwas zigeunerhaftes Geigenspiel, vorschwebte, war es allerdings der junge Geiger Gaston Poulet, der den Komponist im Rahmen eines Wohltätigkeitskonzertes für die Kriegsopfer am Klavier begleitete. Laut Francis Poulencs waren die Reaktionen im Publikum eher zurückhaltend: Der Saal war halb leer und der Applaus „gerade eben höflich“. Oftmals wird die Violinsonate für ihre mangelnde Einheitlichkeit kritisiert; mitschuldig soll das fortgeschrittene Stadium seiner Krebserkrankung sein. Andere Stimmen dagegen heben die Genialität in der Balance der beiden Instrumente hervor und sehen die Violinsonate als „einzige der frühen Moderne, die dem Vergleich mit den klassischen Violinsonaten standhaltet.“ Demnach kann sie guten Gewissens ihren Platz neben einem klassischen Meisterwerk Beethovens einnehmen.

Auch die Sonata per violino solo des ungarisch-schweizerischen Komponist S­andor Veress repräsentiert einen würdigen Vertreter der Gattung. Als Schüler Kodálys erhielt sein Kompositionsstil wesentliche Prägungen: Neben der für seinen ungarischen Zeitgenossen charakteristischen Bezugnahme auf das Volkslied, waren es vor allem Komponisten des 16. Und 17. Jahrhunderts, wie Palestrina und Bach, sowie die italienischen und englischen Madrigalisten, die ihn stark beeinflussten. Die Sonate stammt aus der frühen Schaffenszeit vor seiner Emigration, die wie eine Zäsur in seiner Biographie wirkt. Obwohl er in dieser Zeit bereits stellenweise mit einem quasi-reihenmässig organisierten Tonmaterial arbeitet, erfolgt erst nach 1950 die theoretisch reflektierte und ausdrückliche Hinwendung zur Zwölftonmusik.

Inmitten des Zweiten Weltkriegs entstand George Enescus Impressions d’enfance: Eine Suite für Violine und Klavier in 10 Miniaturen, die den Verlauf eines Tages umfassen, chronologisch angeordnet sind und teils autobiographisch an den frühesten Erinnerungen des Komponisten anknüpfen Das programmatische Werk entlehnt sich offensichtlich der rumänischen Folklore seiner Heimat. Doch auch Komponisten der deutschen Klassik bis Romantik vermochten es, Enescu immer wieder zu inspirieren und anzuregen. Seine Leidenschaft für Brahms, den er in Wien persönlich kennenlernte, begleitete ihn sogleich wie jene für Schumann, Bach, Beethoven oder Wagner, deren Werke er während seiner langen internationalen Karriere als Solist, in Kammermusikensembles oder als Dirigent in sein immenses Repertoire aufnahm. Am 10. April 1940 wurde die Suite im Andenken an Eduard Caudella, den ersten Geigenlehrer des Komponisten, fertiggestellt. Gemeinsam mit dem Pianisten Dinu Lipatti spielte er in Bukarest die Urraufführung und machte seinem ehemaligen Lehrer mit diesem meisterlichen und virtuosen Violinstück alle Ehre.